Vernetzt! Ausgabe 18

Die Schönheit des Scheiterns: Ein Buchauszug

Was haben Charles de Gaulle, Steve Jobs und Serge Gainsbourg gemeinsam? Was verbindet J. K. Rowling, Charles Darwin und Roger Federer? Oder auch Winston Churchill, Barbara und Thomas Edison?

Sie alle haben spektakuläre Erfolge erzielt, nicht wahr? Schon, aber das ist nicht die ganze Geschichte. Bevor sie Erfolg hatten, mussten sie Fehlschläge einstecken. Besser: Wegen der Fehlschläge hatten sie Erfolg. Ohne den Widerstand der Wirklichkeit, ohne Missgeschicke, ohne all die Gelegenheiten, die ihnen ihr Scheitern geboten hat, um nachzudenken und sich wieder aufzurichten, hätten sie sich nicht so vervollkommnen können, wie sie es getan haben. Fast 30 Jahre lang, vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis Mitte des Zweiten Weltkriegs, musste Charles de Gaulle mit Enttäuschungen fertigwerden. Doch erst durch die Konfrontation mit ihnen hat er seinen Charakter festigen und seinen Wunsch besser fassen können, „eine bestimmte Idee von Frankreich“ lebendig werden zu lassen. Als die Geschichte endlich einen anderen Lauf nahm, war er bereit: Seine Niederlagen hatten ihn zäh gemacht und auf den Kampf vorbereitet.

Bevor Thomas Edison die Erfindung der Glühbirne gelang, war er so oft gescheitert, dass ihn einer seiner Mitarbeiter eines Tages fragte, wie er diese vielen Fehlschläge überhaupt ertragen konnte. „Ich bin nicht tausendmal gescheitert. Ich habe erfolgreich tausend Möglichkeiten entdeckt, wie die Glühbirne nicht zum Leuchten gebracht wird“, war seine Antwort. Thomas Edison wusste, dass ein Wissenschaftler nur aus seinen Fehlern lernen kann und dass jeder erkannte Irrtum ihn der Wahrheit ein Stück näher bringt. Als Serge Gainsbourg die Malerei aufgab, zu der er sich berufen gefühlt hatte, war das eine Katastrophe für ihn. Mit dem bitteren Geschmack des Scheiterns im Mund wandte er sich dem Chanson, einer in seinen Augen „minderen“ Kunstform, zu. Doch genau das befreite ihn von dem Druck, dem er sich als Maler selber ausgesetzt hatte. Seine Begabung als Autor und Interpret, der typische Gainsbourg-Sound, sind untrennbar mit diesem Loslassen verbunden, das zugleich ein „Kind“ des Scheiterns ist.

Wenn wir Roger Federer heute Tennis spielen sehen, können wir uns kaum vorstellen, dass er als Jugendlicher Niederlagen einstecken musste und nicht selten in einem Wutanfall seinen Schläger auf den Boden schleuderte. Doch genau in diesen Jahren bildete sich derjenige heraus, der zum besten Tennisspieler aller Zeiten werden sollte. Ohne all die verlorenen Matches und die Momente der Verzagtheit wäre Roger Federer später bestimmt nicht so lange Weltranglistenerster geblieben. Sein legendäres Fairplay, die scheinbar mühelose Eleganz seines Spiels sind nicht angeboren, sondern hart erarbeitet und darum umso schöner.

Charles Darwin hat erst sein Medizinstudium und dann auch sein Theologiestudium an den Nagel gehängt. Daraufhin schiffte er sich auf die „Beagle“ ein, eine Reise, die entscheidend dafür war, dass er seine Berufung als Forscher fand. Ohne seine Niederlagen als Student wäre er nie und nimmer offen für diese Reise gewesen, die sein Leben – und ganz nebenbei auch unsere Vorstellung vom Menschen – veränderte. Am Anfang ihrer Karriere musste Barbara erleben, wie sich die Pforten der Cabarets eine nach der anderen vor ihrer Nase schlossen.

Wenn sie doch einmal auftreten durfte, wurde ihr Gesang meistens mit Buhrufen quittiert. Die Lebenskraft und Empathie, die wir in manchen ihrer grandiosen Chansons spüren, die sie später komponierte, haben viel mit diesen Demütigungen der ersten Jahre zu tun. Wer sich die Niederlagen auf Barbaras Lebensweg wegdenkt, muss sich die schönsten Lieder aus ihrem Repertoire wegdenken.

Schon diese wenigen Beispiele machen deutlich: Das Scheitern hat nicht nur eine, sondern mehrere Tugenden. Es gibt Fehlschläge, die unseren Willen befeuern, und andere, die ein Loslassen ermöglichen; solche, die uns Kraft geben, den eingeschlagenen Weg bis zum Ende durchzustehen, und solche, die uns Auftrieb geben, um diesen Weg zu verlassen. Es gibt Fehlschläge, die uns kämpferischer machen, und solche, die uns weiser machen. Und dann gibt es Fehlschläge, die uns offen machen für Neues.

Das Scheitern ist unserem Leben, unseren Ängsten, unseren Erfolgen innewohnend. Erstaunlicherweise wird dieses Thema von Philosophen kaum behandelt. Als ich mit der Arbeit an diesem Buch begann, wollte ich herausfinden, was die Altvorderen dazu gesagt haben. Ich war sehr überrascht festzustellen, wie wenig Interesse sie am Scheitern gehabt haben. All jene Denker, die so selbstverständlich über Ideal und Wirklichkeit sinniert haben, über das »gute Leben« und die Bekämpfung der Ängste, über den Unterschied zwischen Wollen und Können, sie hätten doch ganze Abhandlungen über das Scheitern schreiben müssen. Dem ist aber nicht so. Es gibt kein einziges größeres philosophisches Werk zu diesem Thema. Keinen Dialog Platons über die Weisheit des Scheiterns. Keine Abhandlung Descartes’ über die Tugend des Scheiterns. Kein Traktat Hegels über die Dialektik des Scheiterns. Das ist umso überraschender, als das Scheitern in einem besonderen Verhältnis zum Abenteuer des menschlichen Lebens zu stehen scheint. Bei meinen Seminaren treffe ich oft auf Unternehmer und Angestellte, die durch Konkurs, Entlassung oder verpasste Gelegenheiten Verletzungen davongetragen haben. Manche haben ihre Kindheit, ihre Jugend,

das Studium und die Anfänge des Berufslebens durchlebt, ohne jemals das Gefühl des Scheiterns gehabt zu haben. Mir ist aufgefallen, dass sie es am schwersten haben, wieder auf die Beine zu kommen. Als Philosophielehrer am Gymnasium beobachte ich häufiger, dass Schüler völlig am Boden zerstört sind, wenn sie eine schlechte Note bekommen. Man hat ihnen offensichtlich nicht gesagt, dass ein Mensch scheitern kann. Dabei ist dieser Satz so einfach: Wir können scheitern. Er ist einfach,

aber er hat etwas mit unserem Menschsein zu tun. Tiere können nicht scheitern, weil ihr ganzes Tun von ihrem Instinkt diktiert wird: Sie brauchen nur ihrer Natur zu folgen, um nicht zu irren. Der Vogel, der sein Nest baut, tut das jedes Mal auf vollkommene Weise. Instinktiv weiß er, was zu tun ist. Er muss keine Lehren aus seinen Fehlschlägen ziehen. Durch unser Irren und Scheitern manifestiert sich unsere menschliche Natur: Wir sind weder instinktgeleitete Tiere noch durchprogrammierte Maschinen oder gar göttliche Wesen. Wir können scheitern, weil wir Menschen sind und weil wir frei sind: frei, uns zu irren – frei, uns zu korrigieren – frei, uns weiterzuentwickeln.

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